Ärzte schlagen Alarm: Für Kassenpatienten könnten Millionen Termine wegfallen

Für Kassenpatienten könnte die Suche nach einem Termin künftig deutlich schwieriger werden – und das gerade dann, wenn man ihn am dringendsten braucht.

Ärzte schlagen dringend Alarm: Kurzfristige Termine könnten bald spürbar knapp werden und die Wartezeiten erheblich steigen. Der Grund liegt in den geplanten Änderungen bei der Finanzierung der ambulanten Versorgung, die 2027 in Kraft treten sollen.

Warum die Ärzte weniger Termine befürchten
Laut einer Berechnung der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) könnte es bis zu 46 Millionen Behandlungsfälle pro Jahr geben, die künftig nicht mehr finanziert wären. Das Grundproblem lässt sich vereinfacht erklären: Arztpraxen können nicht unbegrenzt Behandlungen anbieten, wenn dafür keine ausreichende Finanzierung vorhanden ist.

Ab 2027 sollen nämlich bestimmte Leistungen, für die Praxen bislang zusätzliche Vergütungen erhalten, wieder stärker innerhalb der begrenzten Gesamtvergütung bezahlt werden. Dazu gehören unter anderem bestimmte kurzfristig vermittelte Termine und Leistungen in offenen Sprechstunden.

Aus Sicht der Ärzte entsteht damit ein einfacher wirtschaftlicher Druck: Wenn eine Praxis bereits viele Patienten versorgt hat und weitere Behandlungen nur noch eingeschränkt bezahlt werden, wird es schwieriger, zusätzliche Termine anzubieten.

KBV-Chef Andreas Gassen formuliert die Sorge deutlich: „Wird der finanzielle Spielraum weiter eingeschränkt, wird es logischerweise nicht mehr, sondern weniger Termine geben.“

Längere Wartezeiten und weniger kurzfristige Termine für Kassenpatienten
Für Patienten bedeutet das nicht automatisch, dass plötzlich Millionen Arztbesuche ersatzlos gestrichen werden. Die Befürchtung der Ärzte betrifft vielmehr das Angebot an Terminen.

Das kann beispielsweise bedeuten, dass ein Patient mit Beschwerden länger auf einen Facharzttermin warten muss. Auch kurzfristige Termine könnten schwieriger zu bekommen sein. Wer heute innerhalb weniger Tage eine Praxis findet, könnte künftig häufiger hören, dass erst Wochen später etwas frei ist.

Besonders sensibel ist das bei Untersuchungen, die nicht als akuter Notfall gelten, aber trotzdem nicht beliebig verschoben werden sollten.

Insbesondere bei Frauenärzten gibt es deshalb erhebliche Sorgen. Der Berufsverband der Frauenärztinnen und Frauenärzte (BVF) warnt, dass bis zu 3,5 Millionen kurzfristig verfügbare gynäkologische Termine pro Jahr betroffen sein könnten. Genannt werden unter anderem Termine wegen Beschwerden, auffälliger Befunde, Schwangerschaftsvorsorge und Krebsfrüherkennung.

Wie BVF-Präsident Markus Haist gegenüber der „Schwäbischen“ erklärt, führt dies zu echten Schwierigkeiten für die Ärzte: „Wenn aber mein Budget ausgeschöpft ist, kann ich der nächsten Schwangeren ja nicht sagen: Sie sind leider im falschen Monat schwanger geworden, kommen Sie im nächsten Quartal mal wieder.“

Arztpraxen zunehmend unter Druck
Die Ärzteschaft argumentiert, dass Praxen bereits heute unter erheblichem Kostendruck stehen. Personal, Miete, medizinische Geräte, Energie und andere Betriebskosten müssen bezahlt werden. Gleichzeitig gibt es eine begrenzte Zahl an Ärzten und medizinischen Fachkräften.

Nach Angaben des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung werden rund 97 Prozent der medizinischen Versorgung ambulant erbracht. Gleichzeitig würden bereits heute etwa 13 Prozent der von gesetzlich Versicherten in Anspruch genommenen fachärztlichen Leistungen nicht vergütet. Für die Ärzte lautet die Rechnung deshalb: Wenn zusätzliche Arbeit aber nicht entsprechend bezahlt wird, können Praxen nicht unbegrenzt weitere Kapazitäten schaffen.

Bestimmte Termine müssen vor Budgetierung geschützt werden
„Der Versorgungsbedarf einer Patientin verschwindet nicht dadurch, dass ambulante Kapazitäten knapper werden,“ argumentiert Haist. Die Petition des BVF „Frauengesundheit sichern“ fordert deshalb, dass Prävention, Früherkennung und Schwangerschaftsvorsorge vor Budgetierung geschützt werden. Es wurden bereits über 30.000 Unterschriften gesammelt (die für eine Behandlung im Bundestag erforderliche Zahl), und man hofft, dass trotz des bereits beschlossenen Gesetzes eine Korrektur gemacht werden kann. Ob die Politik dazu tatsächlich bereit sein wird, nachdem die Gesundheitsreformen unter so großen Anstrengungen durchgesetzt wurden, ist eine andere Frage.

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