Putin gehen die Soldaten aus

Trotz der zunehmend technologischen und hybriden Kriegsführung, die sich eher auf Fernstrecken-Waffen und unbemannte Drohnen verlässt, benötigt jeder Kriegsherr auch Soldaten. Je länger der Krieg vor sich geht, desto mehr Soldaten werden benötigt. Gerade hier hatte der russische Präsident Wladimir Putin bisher immer die Oberhand gegenüber den Ukrainern gehabt: ein unablässiger Zustrom von neuen Soldaten, die die enormen russischen Verluste auf den ukrainischen Schlachtfeldern wieder ausgleichen konnten. Ausgerechnet zum vierten Jahrestag des Krieges gegen die Ukraine kommt jetzt die Nachricht, dass Russland die Soldaten ausgehen. Zum ersten Mal seit Beginn des Krieges sind mehr russische Soldaten gefallen, als die russische Armee rekrutieren konnte.

Afrikanisches Kanonenfutter 

Gemäß Berechnungen des britischen Militärs verlieren etwa 40 000 russische Soldaten monatlich ihr Leben in den Kriegseinsätzen an der ukrainischen Front. Die Rekrutierung der Armee kann aber nur noch etwa 35 000 neue Soldaten zusammenkratzen, und auch hier geht die Tendenz nach unten. Der britische Minister für die Streitkräfte, Al Carns, weist darauf hin, dass viele Russen sich jetzt über die miserablen Zustände an der Front im Klaren sind: „Die Menschen erkennen, dass es ein Ticket ohne Rückfahrt ist“, sagte er über die schrumpfenden Zahlen. Auch in anderen Ländern, in denen die Russen zuletzt neue Söldner angeworben hatten, darunter China und mehrere afrikanische Staaten, haben sich die brutalen Machenschaften der Russen herumgesprochen. Die kenianische und die südafrikanischen Regierungen warnen jetzt ihre Bürger vor den falschen Versprechen der Russen über Riesengehälter und ‑bonusse, nachdem mehrere Landsleute aus Russland gerettet werden mussten. Besonderen Anstoß nehmen Afrikaner daran, dass die angeworbenen Soldaten als „Kanonfutter“ eingesetzt werden. 

Europa als eigentliches Ziel 

Auch wenn die Nachrichten über die verringerte russische Truppenstärke allgemein als positiv für die Kriegsentwicklung angesehen werden, warnt ein militärischer Thinktank davor, sich zu früh zu freuen. Laut Berechnungen der kriegsstrategischen Experten in dem Gremium geht man davon aus, dass Putin den Krieg auf jeden Fall bis Ende des Jahres noch mit unverminderter Gewalt weiterführen kann. Als Grund geben die Experten die vollständige Ausrichtung der russischen Wirtschaft auf den Krieg an. Dieser Fokus gab dem Militär und Putin die Möglichkeit, genügend Kriegsmaterial anzusammeln und weitere hochtechnologische Waffen zu entwickeln, die weniger Soldaten benötigen, aber größere Schäden anrichten können. Besonderen Anlass zur Sorge geben Russlands neue Langstreckenwaffen, die offensichtlich auf Ziele weit über ukrainische Grenzen hinaus ins europäische Kernland gerichtet sind. 

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Alexander Grünstedt